
Inklusion im Fußball ist kein Zusatzprogramm. Sie ist ein grundlegender Ansatz, der den gesamten Trainingsaufbau verändert.
Sie ist ein bewusst gestalteter Trainingsprozess, der Teilhabe, Sicherheit und Spielfreude für alle ermöglicht. Dieser Leitfaden zeigt Trainer:innen und Vereinen Schritt für Schritt, wie ein inklusives Training geplant und durchgeführt wird.
Was bedeutet inklusives Training wirklich?
Inklusives Training heißt nicht:
„Alle machen mit, egal wie.“
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Es bedeutet:
- Zugänge schaffen, die alle erreichen
- Strukturen anbieten, die Sicherheit geben
- Anpassungen machen, die Teilhabe möglich machen
- Respektvolle Atmosphäre etablieren
Hier spielt nicht nur die Technik eine Rolle, sondern Haltung, Struktur und Kommunikation.
Gerade für viele Kinder und Erwachsene beginnt hier der Weg in den Fußball.
Was oft falsch gemacht wird
Training wird wie im Leistungsfußball geplant.
Zu viel Fokus auf Abläufe statt auf Menschen.
Übungen sind zu komplex oder zu schnell.
Spieler werden überfordert oder bleiben außen vor.
Inklusives Training braucht keine Perfektion.
Sondern Anpassung.
„Gutes inklusives Training beginnt nicht mit Übungen – sondern mit Haltung.“
– Marcel Grabow
Vorbereitung: Klarheit schaffen
Bevor die erste Trainingseinheit startet, braucht es:
Zieldefinition
- Was soll das Training erreichen?
- Spielverständnis?
- Bewegungserfahrung?
- Gemeinschaft?
Konkrete Ziele helfen, Inhalte zu planen und im Team klar zu kommunizieren.
So entsteht ein Training, das für alle verständlich und umsetzbar ist.
Rahmenbedingungen festlegen
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Legt fest:
- Trainingsorte (Halle/Platz)
- Zeitdauer und Pausen
- Erreichbarkeit für alle
- Ansprechpartner:innen
Sobald diese Grundlagen stehen, kann die Gestaltung folgen.
Trainingsstruktur: Schritt für Schritt
Inklusives Training lebt von wiederkehrenden Strukturen.
Diese Strukturen geben besonders in heterogenen Gruppen Sicherheit.
Das hilft allen Spieler:innen, insbesondere wenn sie:
- sensorische Einschränkungen haben
- Konzentrationsschwierigkeiten zeigen
- emotionale Reizüberflutung erleben
Einstieg: klare Rituale
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Einstieg schafft Sicherheit:
- Begrüßung im Kreis
- kurzes Ziel des Trainings
- einfache Aufforderung, was gleich passiert
Das reduziert Unsicherheit.
Gerade am Anfang entscheidet das über den weiteren Verlauf.
Warm-up: In Bewegung kommen
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Ein inklusives Warm-up sollte:
- alle angesprochen
- einfach erklärt
- in kleinen Sequenzen durchgeführt
Beispiel:
Fangspiele, Ablaufkreise mit einfachen Pass- und Ballstopps, angepasst an verschiedene körperliche Fähigkeiten.
Praxisübung: „Kicker“ – maximale Teilhabe für alle
Warum diese Übung so gut funktioniert
Die Spielform „Kicker“ ist eine der inklusivsten Trainingsformen, die wir kennen.
Sie ermöglicht echte Teilhabe – unabhängig von:
- Alter
- körperlichen oder geistigen Einschränkungen
- Mobilität (Rollstuhl, Rollator, Gehhilfen)
- Leistungsstand
- Spielerfahrung
Alle sind aktiv beteiligt. Niemand steht „nur dabei“.
Genau das ist eine der größten Herausforderungen im inklusiven Fußball.
„Wenn alle eine klare Aufgabe haben, entsteht automatisch Teilhabe.“
– Inga Grabow
Aufbau der Übung
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Spielfeld
- Kleinfeld in 4 Zonen aufteilen
(bei vielen Spieler:innen optional 6 Zonen) - Die Zonen liegen nebeneinander in einer Linie – ähnlich wie beim Tischkicker
- Optional: jeweils ein Tor an beiden Enden des Feldes
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Teams
- Zwei Teams (z. B. Team Gold & Team Rot)
- Die Spieler:innen werden abwechselnd in die Zonen gestellt:<
> Team 1 – Team 2 – Team 1 – Team 2 – …
So entsteht automatisch ein Gleichgewicht – wie beim Kicker-Spiel.
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Regeln (klar & einfach)
- Spieler:innen dürfen ihre Zone nicht verlassen
- Gespielt wird nur flach
→ keine hohen Bälle (Sicherheit!) - Ziel ist es, den Ball von Zone zu Zone weiterzuspielen
- Das gegnerische Team versucht, den Pass in der eigenen Zone zu verhindern
- Kein aktiver Gegendruck, kein Tackling
- Ballgewinne erfolgen durch:
- Passwege zustellen
- Abfangen
- gutes Positionieren
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Ziel der Übung
- Teilhabe statt Tempo
- Ballkontakte für alle
- Zeit zur Ballannahme
- Übersicht entwickeln
- Gemeinsames Spielverständnis
Jede Zone ist wichtig.
Jede Spielerin und jeder Spieler hat eine Aufgabe.
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Rotation & Fairness
- Positionen werden regelmäßig rotiert
- Abwehrspieler:innen werden Angreifer:innen
- Niemand bleibt dauerhaft „hinten“ oder „außen“
So werden Leistungsunterschiede bewusst ausgeglichen.
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So entstehen:
- Perspektivwechsel
- Verständnis füreinander
- echte Gemeinschaft auf dem Feld
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Variante mit Torabschluss („Kicker mit Toren“)
- Auf jeder Seite des Feldes steht ein Tor
- Tore können nur über alle Zonen hinweg vorbereitet werden
- Kein Direktabschluss aus der ersten Zone
- Optional:
- Wer ein Tor erzielt, wechselt die Zone
- Oder tauscht mit einer anderen Spieler:in
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Diese Variante sorgt für:
- Spannung
- Erfolgserlebnisse
- gemeinsame Jubelmomente
So sieht das in der Praxis aus
Ein Spieler im Rollstuhl steht in einer Zone.
Ein anderer Spieler ist unsicher am Ball.
Durch die feste Position hat jeder Zeit.
Der Ball wird kontrolliert weitergespielt.
Niemand wird überlaufen.
Niemand wird ausgeschlossen.
Das Spiel bleibt ruhig – und alle sind beteiligt.
Warum diese Übung besonders inklusiv ist
- Kein Tempozwang
- Kein Körperkontakt
- Keine Überforderung
- Keine Ausgrenzung
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Spieler:innen mit:
- Autismus
- geistigen Beeinträchtigungen
- körperlichen Einschränkungen
- Unsicherheiten oder Ängsten
haben Zeit, Raum und Struktur – drei zentrale Faktoren für gelingende Inklusion.
Diese Faktoren sind besonders wichtig im Umgang mit Autismus.
Unser Praxisfazit
Die Übung „Kicker“ ist mehr als eine Spielform.
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Sie ist ein inklusives Prinzip:
- Jeder ist Teil des Spiels.
- Jeder zählt.
- Jeder wird gebraucht.
Genau deshalb ist sie bei uns fester Bestandteil des Trainings – für Kinder, Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen.
Cool-Down: gemeinsam abschließen
Kein abruptes Ende.
Rituelles Ausklingen schafft Stabilität.
- gemeinsamer Kreis
- kurzes Feedback
- positive Rückmeldung
Kommunikation im Training
Kommunikation ist kein Zusatz – sie ist Teil der Übung.
Sie entscheidet oft darüber, ob Spieler sich sicher fühlen.
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Empfohlen:
- klare, kurze Ansagen
- positive Formulierungen
- Blickkontakt
- Körpersprache einsetzen
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So erleichtert ihr Teilnahme für:
- Menschen mit Autismus
- Menschen mit sprachlicher Einschränkung
- Menschen mit sensorischer Sensibilität
Anpassungen real gestalten
Jede:r Spieler:in braucht keine individuelle Betreuung – aber angepasste Übungen.
Regel:
Jeder bewegt den Ball auf eine Weise, die ihm Spaß macht – und nicht frustriert.
Sicherheit und Verantwortung
Sicherheit ist Voraussetzung für Teilhabe.
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Checkliste:
- Feldgrenzen sichtbar
- keine scharfen Kanten
- Matten dort, wo Stürze möglich
- Helfer:innen als Orientierungspunkte
- Eltern erreichbar
Diese Punkte sind nicht optional, sondern Basis für jedes Training.
Sicherheit muss aktiv geplant und überprüft werden.
„Ohne Sicherheit gibt es keine echte Teilhabe.“
– Timm Grabow
Nachbereitung: reflektieren und verbessern
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Nach dem Training:
- Trainer:innen reflektieren im Team
- Spieler:innen-Feedback einbeziehen
- Eltern rückmelden, wie es lief
- nächste Einheit anpassen
Inklusion wächst, wenn sie lernend gestaltet wird.
Das gilt für Trainer, Spieler und das gesamte Umfeld.
Noch Fragen aus der Praxis?
Viele Herausforderungen im inklusiven Fußball lassen sich nicht mit Regeln oder Checklisten lösen. Oft geht es um Erfahrung, Fingerspitzengefühl und den Mut, Verantwortung zu übernehmen.
Wenn du als Trainer/in, Spieler/in, Elternteil oder Verein vor einer konkreten Situation stehst – im Training, bei Turnieren oder im Umgang mit einzelnen Spieler/innen – melde dich gerne bei uns.
Wir, die Ibbenbürener Kickers, teilen unsere Erfahrungen aus dem inklusiven Fußball ehrlich, praxisnah und ohne belehrenden Zeigefinger.