
Sicherheit, Verantwortung und Fingerspitzengefühl im inklusiven Fußball
Inklusion ist Vielfalt. Und Vielfalt bedeutet, dass sehr unterschiedliche körperliche, emotionale und kognitive Voraussetzungen auf demselben Spielfeld zusammentreffen.
Genau dieses Zusammenspiel macht inklusiven Fußball besonders – aber auch anspruchsvoll in der Umsetzung.
Genau hier entstehen Situationen, die sich für Außenstehende – und manchmal auch für Beteiligte – plötzlich unfair anfühlen können, obwohl niemand unfair handeln will. Was unfair wirkt, ist oft ein Missverständnis von Teilhabe im inklusiven Fußball und deshalb können Regeln dabei entscheidend sein.
Dieser Artikel beschreibt keine Schuld, sondern Verantwortung im Moment.
Warum sich Spiele manchmal unfair anfühlen
Im inklusiven Fußball stehen oft gemeinsam auf dem Platz:
- Spieler:innen im Rollstuhl oder mit Rollator
- Spieler:innen mit Prothesen, Orthesen oder Gehhilfen
- körperlich sehr unterschiedliche Spielertypen
- Menschen mit Autismus, ADHS oder hoher Sensibilität
- Kinder, Erwachsene und Senior:innen gleichzeitig
Das ist echte Inklusion – aber auch eine Situation, die aktive Steuerung braucht.
Unfairness entsteht hier nicht durch Handicaps, sondern durch fehlende Anpassung im Spiel.
„Nicht Unterschiede machen ein Spiel unfair – sondern wenn wir nicht lernen, damit umzugehen.“
– Jan Brodthagen
Wo echte Risiken entstehen können
Bestimmte Spielsituationen bergen ein erhöhtes Risiko, wenn sie nicht bewusst begleitet werden:
- intensive Zweikämpfe auf engem Raum
- hohes Tempo bei großen Kraftunterschieden
- unkontrollierte Bewegungen von Hilfsmitteln
- Rückwärtsbewegungen ohne Sicht
- Überforderung durch Lärm, Nähe oder Dynamik
Diese Risiken sind real – und sie verschwinden nicht durch gute Absichten.
Deshalb braucht inklusiver Fußball bewusst gesteuerte Trainings- und Spielsituationen.
So sieht das in der Praxis aus
Ein Spieler im Rollator bewegt sich in den Zweikampf.
Ein anderer Spieler geht gleichzeitig mit Tempo zum Ball.
Die Situation wird eng.
Der Trainer reagiert sofort, verlangsamt das Spiel und spricht beide Spieler ruhig an.
Das Spiel geht weiter – angepasst.
Nicht unterbrochen, sondern bewusst gesteuert.
Was im Spiel oft falsch eingeschätzt wird
Viele verlassen sich darauf, dass „es schon gut gehen wird“.
Oder sie greifen erst ein, wenn etwas passiert ist.
Spieler werden sich selbst überlassen.
Unterschiede werden gesehen, aber nicht aktiv gesteuert.
So entstehen Situationen, die sich plötzlich unfair oder gefährlich anfühlen.
Inklusion braucht Aufmerksamkeit im richtigen Moment – nicht im Nachhinein.
Rücksicht ist kein Regelverstoß
Im inklusiven Fußball bedeutet Rücksicht:
- Tempo anpassen
- Abstand halten, wo nötig
- Situationen entschärfen
- Spiel lesen, nicht nur spielen
Das ist kein Sonderrecht, sondern sportliche Verantwortung.
Gerade in gemischten Gruppen zeigt sich, wie wichtig ein gemeinsames Verständnis von Spiel und Rücksicht ist.
Wer inklusiv spielt, übernimmt Verantwortung für den gemeinsamen Raum, nicht nur für den Ball.
„Im inklusiven Fußball spielst du nicht nur den Ball – du gestaltest den Raum für alle mit.“
– Timm Grabow
Die Rolle der Trainer:innen im Spiel
Trainer:innen sind im inklusiven Fußball keine reinen Beobachter:innen.
-
Ihre Aufgabe ist es:
- frühzeitig einzugreifen, bevor Situationen kippen
- Intensität bewusst zu steuern
- Spieler:innen anzuleiten, nicht zu bremsen
- Sicherheit klar über Ergebnis zu stellen
Ein kurzes Innehalten, ein ruhiges Wort oder eine Positionsanpassung kann ein Spiel retten, ohne es zu unterbrechen.
Solche Eingriffe sind Teil guter Kommunikation auf dem Platz.
Unsere Haltung aus der Praxis
Bei den Ibbenbürener Kickers ist klar:
- Sicherheit geht vor
- Teilhabe geht vor Ergebnis
- Verantwortung geht vor Ehrgeiz
Wir bereiten unsere Spieler:innen darauf vor, Situationen selbst zu erkennen und zu regulieren.
Starke Spieler:innen lernen, sich zurückzunehmen.
Helferspieler steuern bewusst. Dabei ist entscheidend, die Rolle richtig zu verstehen und nicht unbeabsichtigt das Spiel zu dominieren.
Tore werden ermöglicht, nicht erzwungen.
So entstehen Spiele, die lebendig, fair und sicher bleiben.
Fazit
Wenn Inklusion im Spiel unfair wirkt, ist das kein Scheitern der Inklusion.
Es ist ein Hinweis darauf, dass Aufmerksamkeit, Führung und Anpassung gefragt sind.
Inklusiver Fußball braucht nicht mehr Regeln – sondern mehr Bewusstsein im Moment.
Noch Fragen aus der Praxis?
Viele Herausforderungen im inklusiven Fußball lassen sich nicht mit Regeln oder Checklisten lösen. Oft geht es um Erfahrung, Fingerspitzengefühl und den Mut, Verantwortung zu übernehmen.
Wenn du als Trainer/in, Spieler/in, Elternteil oder Verein vor einer konkreten Situation stehst – im Training, bei Turnieren oder im Umgang mit einzelnen Spieler/innen – melde dich gerne bei uns.
Wir, die Ibbenbürener Kickers, teilen unsere Erfahrungen aus dem inklusiven Fußball ehrlich, praxisnah und ohne belehrenden Zeigefinger.