
Ein Praxisblick aus dem inklusiven Fußball
Im leistungsorientierten Fußball gilt Verlässlichkeit als Grundlage jeder Trainingsplanung. Spieler:innen sagen zu oder ab, Trainer planen Einheiten, Material und Abläufe auf Basis fester Teilnehmerzahlen. Auch die Trainerausbildung – etwa im DFB-Kontext – geht selbstverständlich von dieser Planbarkeit aus.
Im inklusiven Fußball sieht die Realität häufig anders aus.
Wenn Training zum Überraschungsei wird
In vielen inklusiven Teams ist im Vorfeld eines Trainings unklar, wie viele Spieler:innen tatsächlich erscheinen. Manche melden sich an oder ab, andere nicht. Manche entscheiden sich erst kurzfristig – abhängig von Tagesform, Begleitung, Belastung oder äußeren Umständen.
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Für Trainer:innen bedeutet das:
- keine verlässliche Teilnehmerzahl
- keine sichere Material- oder Übungsplanung
- ständige Anpassung vor Ort
Das Training beginnt nicht selten mit der Frage:
„Wer ist heute da – und was machen wir daraus?“
Das ist kein Organisationsproblem
Diese Situation wird oft als mangelnde Verlässlichkeit oder fehlende Disziplin wahrgenommen. Tatsächlich handelt es sich jedoch um ein strukturelles Merkmal inklusiver Arbeit.
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Gründe können unter anderem sein:
- eingeschränkte Kommunikationsmöglichkeiten
- psychische Belastungen oder schwankende Tagesformen
- Abhängigkeit von Begleitpersonen oder Fahrdiensten
- fehlendes Zeitgefühl oder Organisationsvermögen
- frühere negative Erfahrungen mit festen Erwartungen
Inklusion bedeutet, diese Lebensrealitäten ernst zu nehmen – nicht sie zu bewerten.
Der Denkfehler: Inklusives Training muss genauso planbar sein
Ein häufiger innerer Konflikt bei Trainer:innen entsteht durch den Versuch, inklusive Trainingsgruppen nach leistungsorientierten Maßstäben zu organisieren.
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Das führt zu Frust, weil:
- Planungssicherheit nicht herstellbar ist
- Erwartungen regelmäßig enttäuscht werden
- Trainer:innen sich verantwortlich fühlen für Dinge, die sie nicht steuern können
Der entscheidende Perspektivwechsel lautet:
Im inklusiven Fußball ist nicht die Teilnehmerzahl die Konstante – sondern die Unsicherheit.
Variable Trainingsplanung statt fester Abläufe
Professionelle inklusive Trainingsarbeit bedeutet nicht, auf Planung zu verzichten – sondern anders zu planen.
Nicht der konkrete Ablauf steht im Mittelpunkt, sondern ein flexibles Trainingssystem, das auf unterschiedliche Gruppengrößen reagieren kann.
Praktische Ansätze aus der Trainingspraxis
Planung in Modulen statt in starren Einheiten
Statt eines festen Ablaufs werden Trainingsbausteine vorbereitet, die unabhängig voneinander funktionieren:
- Ankommen und Bewegung
- einfache Spielformen
- optionale Vertiefungen
- freies Spiel oder Ausweichform
Jeder Baustein ist so angelegt, dass er mit wenigen oder vielen Spieler:innen funktioniert.
Zwei gleichwertige Varianten im Kopf behalten
Erfahrene Trainer:innen planen innerlich mindestens zwei Szenarien:
- eine Variante für kleine Gruppen
- eine Variante für größere Gruppen
Beide sind vollwertig und nicht als Notlösung gedacht. Die Entscheidung fällt erst vor Ort.
Materialplanung entkoppeln
Material wird grundsätzlich für die maximal mögliche Gruppengröße vorbereitet. So entfällt der Druck, vorab exakt planen zu müssen. Zu viel Material ist kein Fehler, sondern eine Entlastung.
Verbindlichkeit neu definieren
Statt auf formale Zu- und Absagen zu bestehen, hat sich folgende Haltung bewährt:
Training findet statt – unabhängig davon, wie viele kommen.
Diese Klarheit nimmt Druck, erhöht langfristig Vertrauen und stabilisiert Gruppen oft mehr als formale Regeln.
Die Rolle der Trainerhaltung
Der größte Stress entsteht nicht durch Unplanbarkeit, sondern durch den Anspruch, sie kontrollieren zu müssen.
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Inklusive Trainerarbeit bedeutet:
- akzeptieren, was nicht steuerbar ist
- Verantwortung für das übernehmen, was möglich ist
- den Fokus auf die Menschen legen, die da sind
Nicht die perfekte Einheit ist entscheidend, sondern die Qualität des Umgangs.
Inklusive Professionalität heißt Anpassungsfähigkeit
Was im leistungsorientierten Fußball als Schwäche gelten würde, ist im inklusiven Fußball eine Schlüsselkompetenz: situative Anpassungsfähigkeit.
Trainer:innen, die diese Realität annehmen, arbeiten ruhiger, nachhaltiger und langfristig erfolgreicher – für sich selbst und für ihre Teams.
Einordnung in die Trainingspraxis
Inklusives Training ist nicht schlechter planbar – es folgt nur anderen Regeln. Wer diese versteht und akzeptiert, schafft Räume, in denen echte Teilhabe möglich wird.
Noch Fragen aus der Praxis?
Viele Herausforderungen im inklusiven Fußball lassen sich nicht mit Regeln oder Checklisten lösen. Oft geht es um Erfahrung, Fingerspitzengefühl und den Mut, Verantwortung zu übernehmen.
Wenn du als Trainer/in, Spieler/in, Elternteil oder Verein vor einer konkreten Situation stehst – im Training, bei Turnieren oder im Umgang mit einzelnen Spieler/innen – melde dich gerne bei uns.
Wir teilen unsere Erfahrungen aus dem inklusiven Fußball ehrlich, praxisnah und ohne belehrenden Zeigefinger.