
Ein Praxisblick aus dem inklusiven Fußball
Im leistungsorientierten Fußball gilt Verlässlichkeit als Grundlage jeder Trainingsplanung. Spieler:innen sagen zu oder ab, Trainer planen Einheiten, Material und Abläufe auf Basis fester Teilnehmerzahlen. Auch die Trainerausbildung – etwa im DFB-Kontext – geht selbstverständlich von dieser Planbarkeit aus.
Im inklusiven Fußball sieht die Realität häufig anders aus.
Genau hier beginnt der Unterschied zwischen klassischem Training und inklusiver Praxis.
Wenn Training zum Überraschungsei wird
In vielen inklusiven Teams ist im Vorfeld eines Trainings unklar, wie viele Spieler:innen tatsächlich erscheinen. Manche melden sich an oder ab, andere nicht. Manche entscheiden sich erst kurzfristig – abhängig von Tagesform, Begleitung, Belastung oder äußeren Umständen.
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Für Trainer:innen bedeutet das:
- keine verlässliche Teilnehmerzahl
- keine sichere Material- oder Übungsplanung
- ständige Anpassung vor Ort
Diese Realität erfordert ein Trainingsverständnis, das flexibel auf Situationen reagieren kann.
Warum Haltung wichtiger ist als Planung.
Das Training beginnt nicht selten mit der Frage:
„Wer ist heute da – und was machen wir daraus?“
So sieht das in der Praxis aus
Ein Training beginnt mit fünf Spielern statt der erwarteten zwölf.
Die geplante Spielform passt nicht mehr.
Der Trainer entscheidet spontan um.
Kleine Gruppen, mehr Ballkontakte, einfache Abläufe.
Zehn Minuten später sind es acht Spieler.
Das Training wächst mit.
Kein Plan ist gescheitert.
Er wurde angepasst.
Das ist kein Organisationsproblem
Diese Situation wird oft als mangelnde Verlässlichkeit oder fehlende Disziplin wahrgenommen. Tatsächlich handelt es sich jedoch um ein strukturelles Merkmal inklusiver Arbeit.
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Gründe können unter anderem sein:
- eingeschränkte Kommunikationsmöglichkeiten
- psychische Belastungen oder schwankende Tagesformen
- Abhängigkeit von Begleitpersonen oder Fahrdiensten
- fehlendes Zeitgefühl oder Organisationsvermögen
- frühere negative Erfahrungen mit festen Erwartungen
Inklusion bedeutet, diese Lebensrealitäten ernst zu nehmen – nicht sie zu bewerten.
„Inklusion beginnt nicht bei Planung – sondern beim Verstehen der Menschen.“
– Inga Grabow
Der Denkfehler: Inklusives Training muss genauso planbar sein
Ein häufiger innerer Konflikt bei Trainer:innen entsteht durch den Versuch, inklusive Trainingsgruppen nach leistungsorientierten Maßstäben zu organisieren.
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Das führt zu Frust, weil:
- Planungssicherheit nicht herstellbar ist
- Erwartungen regelmäßig enttäuscht werden
- Trainer:innen sich verantwortlich fühlen für Dinge, die sie nicht steuern können
Der entscheidende Perspektivwechsel lautet:
Im inklusiven Fußball ist nicht die Teilnehmerzahl die Konstante – sondern die Unsicherheit.
Was oft falsch gemacht wird
Trainer halten zu lange an ihrem ursprünglichen Plan fest.
Sie versuchen, fehlende Spieler zu kompensieren, statt umzudenken.
Oder sie bewerten Unzuverlässigkeit, statt sie einzuordnen.
Das erzeugt Druck – für Trainer und Spieler.
Inklusives Training braucht keine perfekte Planung.
Sondern gute Entscheidungen im Moment.
„Im inklusiven Fußball planst du nicht Teilnehmer – sondern Möglichkeiten.“
– Marcel Grabow
Variable Trainingsplanung statt fester Abläufe
Professionelle inklusive Trainingsarbeit bedeutet nicht, auf Planung zu verzichten – sondern anders zu planen.
Nicht der konkrete Ablauf steht im Mittelpunkt, sondern ein flexibles Trainingssystem, das auf unterschiedliche Gruppengrößen reagieren kann.
Wie solche Trainingssysteme aufgebaut werden können, zeigt sich in der praktischen Trainingsarbeit im Verein.
Praktische Ansätze aus der Trainingspraxis
Planung in Modulen statt in starren Einheiten
Statt eines festen Ablaufs werden Trainingsbausteine vorbereitet, die unabhängig voneinander funktionieren:
- Ankommen und Bewegung
- einfache Spielformen
- optionale Vertiefungen
- freies Spiel oder Ausweichform
Jeder Baustein ist so angelegt, dass er mit wenigen oder vielen Spieler:innen funktioniert.
Diese Form der Planung reduziert Überforderung und schafft Sicherheit für alle Beteiligten.
Zwei gleichwertige Varianten im Kopf behalten
Erfahrene Trainer:innen planen innerlich mindestens zwei Szenarien:
- eine Variante für kleine Gruppen
- eine Variante für größere Gruppen
Beide sind vollwertig und nicht als Notlösung gedacht. Die Entscheidung fällt erst vor Ort.
Materialplanung entkoppeln
Material wird grundsätzlich für die maximal mögliche Gruppengröße vorbereitet. So entfällt der Druck, vorab exakt planen zu müssen. Zu viel Material ist kein Fehler, sondern eine Entlastung.
Verbindlichkeit neu definieren
Statt auf formale Zu- und Absagen zu bestehen, hat sich folgende Haltung bewährt:
Training findet statt – unabhängig davon, wie viele kommen.
Diese Klarheit nimmt Druck, erhöht langfristig Vertrauen und stabilisiert Gruppen oft mehr als formale Regeln.
Die Rolle der Trainerhaltung
Der größte Stress entsteht nicht durch Unplanbarkeit, sondern durch den Anspruch, sie kontrollieren zu müssen.
Diese Haltung entscheidet oft mehr über den Erfolg als jede Trainingsmethode.
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Inklusive Trainerarbeit bedeutet:
- akzeptieren, was nicht steuerbar ist
- Verantwortung für das übernehmen, was möglich ist
- den Fokus auf die Menschen legen, die da sind
Nicht die perfekte Einheit ist entscheidend, sondern die Qualität des Umgangs.
Inklusive Professionalität heißt Anpassungsfähigkeit
Was im leistungsorientierten Fußball als Schwäche gelten würde, ist im inklusiven Fußball eine Schlüsselkompetenz: situative Anpassungsfähigkeit.
Trainer:innen, die diese Realität annehmen, arbeiten ruhiger, nachhaltiger und langfristig erfolgreicher – für sich selbst und für ihre Teams.
Gerade im Trainerteam spielt dabei auch die eigene Belastbarkeit eine wichtige Rolle.
Einordnung in die Trainingspraxis
Inklusives Training ist nicht schlechter planbar – es folgt nur anderen Regeln. Wer diese versteht und akzeptiert, schafft Räume, in denen echte Teilhabe möglich wird.
Noch Fragen aus der Praxis?
Viele Herausforderungen im inklusiven Fußball lassen sich nicht mit Regeln oder Checklisten lösen. Oft geht es um Erfahrung, Fingerspitzengefühl und den Mut, Verantwortung zu übernehmen.
Wenn du als Trainer/in, Spieler/in, Elternteil oder Verein vor einer konkreten Situation stehst – im Training, bei Turnieren oder im Umgang mit einzelnen Spieler/innen – melde dich gerne bei uns.
Wir, die Ibbenbürener Kickers, teilen unsere Erfahrungen aus dem inklusiven Fußball ehrlich, praxisnah und ohne belehrenden Zeigefinger.